Standort Gardelegen
Die Garnison Gardelegen bereitet einige Schwierigkeiten bei der Zuordnung zu einem Wehrkreis. In ihm gab es nämlich Schulen vom Wehrkreis IX und vom Wehrkreis XI. Der Lage nach ist der Standort aber eindeutig dem Wehrkreis XI zuzuordnen, da der Ort in der Altmark liegt.
Die aus Mieste abmarschierten bewachten Häftlingsgruppen wurden schließlich südwärts nach Gardelegen umgeleitet und in ein geräumtes Militärobjekt gesperrt - die Reit- und Fahrschule (Remonteschule) der Wehrmacht am Stadtrand. Dieses Objekt wurde daraufhin schließlich zur Sammelstelle von allen wieder aufgegriffenen entflohenen KZ-Häftlingen und Deportierten.
Gardelegen war eine ausgeprägte Garnisonsstadt. In und um Gardelegen standen mehrere Wehrmachtseinheiten mit mehreren tausend kampffähigen Soldaten. Schnell gegen die Elbe vorrückende amerikanische Truppen hatten Gardelegen bislang ausgespart, sodass Gardelegen schließlich in diesen Stunden eingekesselt wurde.
Die zunächst in den ehemaligen Pferdeställen der Reit- und Fahrschule der Wehrmacht eingesperrten und verpflegten KZ-Häftlinge wurden am 13. April 1945 auf Verlangen militärischer Dienststellen aus der Remonteschule herausgeführt und schließlich auf ein freies Feld nahe der Stadt geleitet, da sie nicht mehr marschfähig waren. Die nunmehrige Wachmannschaft war inzwischen mit zahlreichen Häftlingen durchsetzt, die sich auf Anfrage der SS-Transportführer freiwillig dafür gemeldet hatten und dafür mit deutschen Uniformen und Schusswaffen ausgerüstet worden waren.
Schließlich wurden die Häftlinge in eine nahe große massive Feldscheune geführt, die dem Gardeleger Rittergut "Isenschnibbe" gehörte.
Dort wurden die eingepferchten Häftlinge durch Brandlegung bewusst in Panik versetzt. Die Panik und die einsetzenden Fluchtversuche der Häftlinge benutzten die Wachmannschaften, um möglichst alle Häftlinge zu liquidieren. An den Tötungshandlungen beteiligten sich auch die neu rekrutierten Häftlingswachen. Es kam auch zum rücksichtslosen Einsatz von Handgranaten und panzerbrechenden Geschossen. Überlebende des Massakers wurden danach gezielt erschossen.
Es gelang nur sehr wenigen Häftlingen zu fliehen oder verletzt unter den Massen der Toten zu überleben.
Nach dem Massaker am Militärgelände, welches man in der nahen zivilen Wohnsiedlung durch stundenlanges heftiges Schießen bemerken konnte, wurden auf Befehl der Inhaber der Polizeigewalt in Gardelegen alle über den Volkssturm mobilisierbaren männlichen Jugendlichen und Männer aus Gardelegen und der näheren Umgebung herangeholt. An Ort und Stelle erfuhren sie, dass sie die Toten des Massakers in der "Isenschnibber Feldscheue" zu verscharren hätten. Dabei kam es zur Tötung von Verletzten.
Aufgrund der bevorstehenden Übergabe der Stadt und Garnison Gardelegen an die heranrückenden amerikanischen Truppen gelang das Verscharren der vielen hundert Massakertoten in Massengräbern nicht vollständig.
Am Abend des 14. April 1945 übergab der Kampfkommandant von Gardelegen die Stadt und alle Wehrmachtseinheiten kampflos in die Gewalt der amerikanischen Truppen. Am späten Vormittag des 15. April 1945 entdeckte ein Spähtrupp der amerikanischen Truppen die Mordstätte, die "Greuelscheune". Einige Tage später begannen die Ermittlungen von speziell dafür abgestellten Offizieren der US-Army in diesem Kriegsverbrechensfall.
Der amerikanische Kommandant von Gardelegen befahl, dass alle männlichen "Nazis" von Gardelegen die Toten in Massengräbern zu beerdigen hätten. Diese Aktion wurde nach wenigen Stunden abgebrochen, stattdessen wurde schließlich befohlen, dass die männlichen Einwohner von Gardelegen, die über 16 Jahre alt waren und einer nationalsozialistischen Organisation angehört hatten, zur Strafe mit ihren bloßen Händen die Leichen zu transportieren und auf einem neu anzulegenden Sonderfriedhof in einem tiefen Loch in einem weißen Bettlaken zu beerdigen hätten.
Der Kommandant der zuständigen Einheit der US-Army gab zu Protokoll, dass auf diesem Sonderfriedhof die Gebeine von 1.016 Menschen beerdigt worden sind. Der Friedhof ist vom 21. bis zum 25. April 1945 angelegt worden. Die Einweihung des Friedhofs wurde mit einem religiösen und einem militärischen Zeremoniell vorgenommen. Die Toten des neuangelegten Friedhofes wurden nach römisch-katholischem, reformiertem und jüdischen Ritus der Gnade des allmächtigen Gottes empfohlen. Dieser Sonderfriedhof erhielt den Status eines Militärfriedhofes. Er wurde nach den Vorschriften der amerikanischen Heeresdienstvorschrift für militärische Massenfriedhöfe angelegt und sollte dann auch solch ein Aussehen bekommen.
Der kommandierende General der US-Division, die in Gardelegen im April und Mai 1945 ihr Hauptquartier hatte, ließ an dem Sonderfriedhof für die Opfer des Massakers eine Tafel aufstellen, deren Text in deutscher und in englischer Sprache so lautet:
"Gardelegen. Militärfriedhof. Hier liegen 1.016 alliierte Kriegsgefangene, die von ihrer Wache ermordet worden sind. Die Einwohner von Gardelegen haben sie begraben und die Verpflichtung übernommen, diese Gräber ebenso frisch zu bewahren, wie das Gedächtnis der Unglücklichen in den Herzen aller friedliebenden Menschen bewahrt bleiben wird. Errichtet unter Aufsicht der 102. Infanteriedivision der Armee der Vereinigten Staaten. Jegliche Schändung dieses Friedhofes wird gemäß den Verordnungen der Militärregierung mit den schwersten Strafen geahndet werden. Frank A. Keating. Genlt. USA Kommandeur."
Der Friedhof für Gräber des Militärfriedhofes wurde durch die von den Amerikanern eingesetzte Zivilverwaltung zur Strafe und Erziehung erwachsener männlicher Personen befohlen, die (tatsächlich oder angeblich) Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen gewesen waren.
Die Feldscheune sollte dem Zerfall preisgegeben werden.
Am 1. Juli 1945 wurde Gardelegen auch praktisch Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland. Die ursprünglichen Absichten der amerikanischen Besatzungsmacht wurden bedeutungslos gemacht. Am 14. April 1946 wurde durch Überlebende der Deportationsmärsche ein Gedenkstein für die Opfer des Massakers eingeweiht.
Die Kriegsverbrechen, das Massaker von Gardelegen, ist in seinen Ursachen, Abläufen und Umständen in den vergangenen Jahrzehnten auf vielfältige Weise dargestellt und interpretiert worden.
Das Geschehen im April 1945 in Gardelegen ist niemals in einem rechtsstaatlichen juristischen Verfahren bewertet worden. Das Geschehen im April 1945 und die Aktivitäten nach 1945 zur Pflege des Gedenkens an die Opfer des Massakers sind seit Jahren Gegenstand umfänglicher und sehr komplizierter wissenschaftlicher Forschungen im Stadtmuseum Gardelegen.
Weitere Informationen:
Stadtmuseum Gardelegen
Rathausplatz 10
39638 Gardelegen
Telefon: (03907) 65 19
Fronttruppenteile
Jagdgeschwader 3 (II.)
Jagdgeschwader 5 (II.)
Jagdgeschwader 301 (Teile)
Kampfgeschwader 54 (II. und IV.)
Ersatztruppenteile
Fallschirmjäger-u. Ausbildungs-Bataillon Gardelegen
Wehrkreis-Remonteschule IX
Wehrkreis-Reit- und Fahrschule XI
Versuchs-Kommando Hottendorf
Kommandobehörden / Dienststellen
Wehrmeldeamt (WK XI, Wehrbezirk Stendal. Zuständig für den Landkreis
Gardelegen.)
Heeres-Standort-Verwaltung
Fliegerhorst-Kommandantur 21/XI